Blog vom 24.05.2022:
Von der Notwendigkeit und der Kunst, Pausen zu machen

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

brauchst Du auch mal wieder eine Pause?

In der Komplexität unseres Alltags sind Ruhephasen eine Herausforderung.
Mit den langen Wochenenden, die nun anstehen, ließe sich vielleicht Gelegenheit finden, wenn doch nicht schon wieder so viel geplant wäre. Letztes Jahr mussten wir schließlich auf viel verzichten, das jetzt nachgeholt werden will. Ruhe und Pause machen klingt zwar verlockend, aber irgendwie auch unspektakulär. Man wird schon noch zwischen Grillparty, Volksfest, Kurztrip, Konzert, Einladung und diversen anderen Verpflichtungen ein paar ruhige Momente finden, oder?

Nur zu oft geben wir nötigen Pausen nicht genug Raum, oder begnügen uns mit Pseudo-Pausen.
Stehen für Dich auch Pausen im Programm der nächsten Wochenenden?

Pausen verbinden wir oft mit Füße hochlegen, mit Faulheit. Ausruhen hingegen mutet passiv an, und klingt fast noch Rekonvaleszenz. Zum Nichtstun mit gutem Gewissen müsste man schon ein bisschen krank sein, oder?
Fälschlicherweise beurteilt unser beflissener, uns ewig antreibender Geist Pausen als unproduktiv – oder gar Luxus. Verschiebe nichts auf morgen, das du heute kannst besorgen – nun, wo man endlich ein paar extra freie Tage hat, sollte man besser noch ein paar Dinge tun oder erledigen, für die sonst noch weniger Zeit ist. Oder nicht?

Ruhephasen sind für unser ganzes Sein auf geistiger, psychischer und physischer Ebene essentiell und fördern unsere Kreativität und Produktivität:
Wenn die Seele mal wieder durchatmen kann und neue Energie uns von innen ausfüllt, dann läuft alles wieder besser.

Solche Pausen machen wir meist zu selten:

Wirklich in Kontakt mit seinem Sein kommen, mit dem, was unter der Oberfläche liegt. Mit dem Platz, der immer neue Lebensenergie für uns bereithält, wenn wir ihn berühren.

Oft fühlt es sich schwer an, die Ruhe zu wagen – fast ist es unheimlich, mit uns allein zu sein, uns einmal nicht mit diversen Dingen abzulenken. Die Stille, die aus uns hochsteigt, kann sogar im ersten Moment beunruhigend sein: Dieses grenzenlose Universum in uns drinnen scheint ein unbekannter, ein vergessener Ort zu sein – und Unbekanntes macht oft erst einmal Angst.

Doch bleib: Was Dich in diesem Moment beunruhigt, ist nur ein Gedanke, der Dir sagt, dass die Stille ungewohnt ist  – im Gegensatz zu der gewohnten hektischen Welt im Außen, zu der übrigens auch Kopfkino und Gedanken zählen.

Bleib und fühle weiter in Dich hinein, in diesen stillen Raum, der sich bald sanft und nährend anfühlt. Hier kannst du Dich fallen lassen.
Hier wirst Du gehalten.

Hier kannst Du sein.

Lass das Handy liegen, auch wenn der Impuls da ist, nun irgendetwas tun zu müssen und Dein Geist hektisch wird, weil so viel Ruhe ihm nicht vertraut ist.
Du musst gar nichts tun.
Nicht texten, nicht surfen, nichts organisieren, kein Instagram, und Du brauchst auch nicht die einlullende Geräuschkulisse des Fernsehers.

Das ist gerade alles nicht wichtig.
In Deiner Pause gibt nichts zu tun, außer zu atmen.
Stille.
Loslassen.
Sich fallen lassen.
Sein.

Es ist eine entspannte Aufmerksamkeit, ein waches, müheloses Gewahrsein, in dem Du Dein Sein in Deinem inneren Universum wahrnimmst. Der Platz, aus dem Dir immer Energie zufließt. Der Deine Akkus wieder auflädt. Der Platz, wo Du mit allem verbunden bist. Der Platz, der sich zu Hause anfühlt.

Vielleicht schläfst Du ein – das ist nicht schlimm: Du wirst entspannt aufwachen und kannst dann, noch nicht richtig wach und noch nicht zurück in den Alltags-Denkmustern, noch einen Moment in der Stille bleiben.

Eigentlich ist es ganz einfach.
Wir sind uns nur meist selbst im Weg mit all unseren Ideen, Konzepten und all den Vorhaben, von denen wir denken, dass wir sie tun müssen. Selbst, wenn mal Ruhe einkehrt, ist das so ungewohnt, dass wir direkt in die Falle tappen und wieder in Aktivismus verfallen – oder die Finger nicht vom Touchscreen lassen können.
Wenn dieser Impuls kommt, darfst Du ihn einfach ziehen lassen und verharren: Nichts passiert. Nichts muss passieren.

Wenn Du diese Tage in der Natur spazieren gehst, mach ruhig allein eine Runde und lass Dein Telefon zu Hause.
Du kannst auch ohne Schrittzähler laufen. Du musst nicht immer erreichbar sein.
Wenn Du auf das Rad steigst, fahre im leichtesten Gang ganz langsam und sieh die Welt um Dich herum mit allen Sinnen. Du musst auch mit einem E-Bike einmal keinen Streckenrekord aufstellen – heute gilt: Je langsamer, desto besser.

Mach einen Stopp, halte inne und sei erreichbar für Dein Inneres und für die Schönheit um Dich herum.
Die Wildrosen blühen duftend und auch der Holunder hat überall seine weißen Dolden geöffnet. Am Rand der Felder steht rot leuchtender Klatschmohn neben knallblauen Kornblumen. Die Heuwiesen stehen hoch und der Wind bewegt die langen Halme wie der Sturm die Wellen des Meeres. Die Sonne lässt Schmetterlinge tanzen und der Regen perlt in feinen Tropfen von frisch grünen Blättern.

Nimm entspannt und aufmerksam wahr, was es zu sehen gibt. Lass Deinen Blick schweifen und mach Dein Inneres weit. Dein innerer Raum kann mit der Natur im Einklang schwingen: Hier kannst Du sein, und hier kannst Du Dich fallen lassen. Nimm Dir Zeit. Deine Zeit.

Alles andere kann warten:
Es steht Dir zu, alle antreibenden Gedanken zu überhören.
Das konntest Du früher auch, wenn Deine Eltern Dir gesagt haben, dass Du Dein Zimmer aufräumen solltest: du hast einfach weiter gespielt.
Versuche nicht, die Gedanken zu vertreiben, das macht sie nur stärker:
Dein Geist wird tun, was er immer tut: Gedanken produzieren –
lass ihn einfach machen, er kann das auch ohne Dich.

Bleib in der wohligen Stille hinter den Gedanken – die Stille, die über jeden Lärm erhaben ist.
Das ist kein Luxus –
sondern Dein Geburtsrecht:
Du bist in Deinem natürlichen Zustand angekommen, den Du vor lauter Lärm und Geschäftigkeit fast vergessen hast!

Ich wünsche Dir viele kräftigende, erfüllte und wohltuende Pausen in den nächsten Wochen!

Alles Liebe,
Doerthe

 

Blog vom 10.04.2022:
Vom Mitleiden – und vom Nutzen der Lebensfreude

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht gehörst Du auch zu denjenigen, denen die Situation in der Welt derzeit heftig auf die Stimmung schlägt.

Corona noch nicht wirklich vorbei, und jetzt all die Nachrichten und Bilder aus der Ukraine.

Schon wieder ein Teil Sorglosigkeit, ein Stück Lebensfreude weg.

Und was ist eigentlich mit dem Krieg in Syrien und dem nicht enden wollenden Bürgerkrieg in Somalia, von dem man gerade nichts hört? Auch dort ist noch kein Frieden in Sicht. Im Gegenteil; diese Länder stehen, noch verstärkt durch die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs, vor einer humanitären Katastrophe.

Kann ich denn nun eigentlich noch in all meinem Wohlstand bequem in der Sonne sitzen und den Frühling genießen? Oder wäre es nicht doch angemessen, aus Solidarität die eigene Lebensfreude etwas einzuschränken? Schließlich wird man all die Schlagzeilen und Fotos, die durch unsere Gedanken ziehen, doch nicht los….

Tatsächlich ging es mir so, als ich vor zwei Wochen in Urlaub war: Ab und an überfiel es mich wie ein schlechtes Gewissen, dass ich, ohne auch nur einmal Nachrichten gelesen zu haben, meine Zeit in Kopenhagen sorgenfrei auskostete.
Auf der anderen Seite war mir klar, wenn ich mich nicht für diese Zeit mich von Berichten über Krieg und Leid fernhielt, hätte ich die Stadt um mich herum durch den Filter meiner trüben Gedanke wahrgenommen – und das hätte auch niemandem weitergeholfen. Wir wissen ja – wir erleben nicht die „Realität“, sondern einzig und allein unser eigenes Denken.

Gerade die zarter besaiteten unter uns, laufen Gefahr, das endlose Elend der Welt gefühlt auf ihren Schultern zu tragen, um dabei nur noch gebückt unter schwerer Last durchs Leben zu laufen. Wie kann ich denn auch glücklich sein, wenn es so viel Leid gibt?

Die Antwort ist: Du darfst glücklich sein über alles, was das Leben dir schenkt und was bereits in Dir ist. Das zu genießen, ist ein Akt der bewussten Dankbarkeit des Lebens gegenüber.

Ich habe lange gebraucht, das nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu verstehen. Viele Jahre habe ich eine tiefe Traurigkeit in mir getragen, ob all der Grausamkeit, Ungerechtigkeit und des Elends dieser Welt. Immer fühlte ich mich egoistisch, wenn ich sah, wie viel besser es mir ging als so vielen anderen – und wie wenig ich tun konnte, um die Welt „zu retten“. Erlebte ich etwas Schönes, schwang immer die Traurigkeit mit, dass ich fröhlich war, während andere litten. Ich habe mitgelitten, um das Leid zu lindern.

Irgendwann habe ich verstanden, dass ich das Leid damit nicht verringerte, sondern vergrößerte…
Mitleid scheint nur auf den ersten Blick edel. Denn Mitleid lähmt und macht kraftlos.

Anders ist es bei Mitgefühl, denn aus Mitgefühl erwächst Tatkraft, aktiv zu sein, und etwas zu tun. Hilfe zu leisten. Unterstützung zu geben. Zu tun, was nötig und vernünftig ist. Und manchmal einfach nur das, was gerade vor der Nase liegt.

Dazu braucht es kein Heldentum:
Nicht jeder ist berufen, einen Hilfskonvoi zu organisieren, selbst an den Grenzen Hilfe zu leisten oder seine Wohnung mit Geflüchteten zu teilen. Denen, die auf diese Weise aktiv sind, Respekt und Anerkennung! Selbst passiv kann man mit einer Spende etwas bewirken, wenn man finanziell dazu in der Lage ist.
Wenn Du aber all das nicht kannst, macht es Dich nicht zu einem schlechteren Menschen, oder gar jemandem, der sich einer menschlichen Verantwortung nicht stellt:
Es gibt genug das Du tun kannst, um die Welt ein Stück besser zu  machen.
Jeder kann direkt in seinem Umfeld  – quasi direkt vor der eigenen Nase – beginnen. Jeder kennt in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz jemanden, der gerade durch eine schwierige Zeit geht und Hilfe gebrauchen kann. Auch diese Hilfe wird über das Getane hinaus wirken, denn geht es dem Geholfenen besser, kann auch er bald wieder etwas weitergeben – und so wird wie durch einen einzelnen angestoßenen Dominostein eine riesige Resonanzkette von Hilfsbereitschaft, Solidarität und Unterstützung.
Wer weiß, ob sie nicht gar da ankommt, wo man selbst gern gewirkt hätte, aber nicht die Möglichkeit hatte?!

Nur eins hilft nicht: Vor lauter Angst und Verzweiflung erstarren, die Decke über den Kopf ziehen und sich immer wieder zu vergegenwärtigen, wie schlimm diese Welt ist.
Kriege und Leid hat es seit Menschengedenken gegeben, und vermutlich wird es sie leider immer geben, solange es Menschen gibt. Und dazu so viel anderes Elend, das wir nicht einmal erahnen können.
Doch alles, was Du an Liebe und Freude in die Welt trägst, macht sie besser und schöner – nicht nur für Dich. All das Schöne, was das Leben Dir gibt, genieße es – denn es wird dich stärken, Dir Kraft geben, um für Dich und andere ein gutes Leben zu führen.

Ja, auch ich werde sicher am Osterwochenende am gedeckten, vollen Tisch an die Menschen denken, die gerade nichts zu essen haben und hungern. Das ist nicht leicht.
Ich werde mein Essen dankbarer zu mir nehmen als sonst, denn es ist nicht selbstverständlich. Und gerade deshalb werde ich es noch bewusster genießen, um es zu wertschätzen.

Schneide Dich, auch wenn die Welt wie ein einziges Jammertal erscheint, nicht von den Freuden und schönen Dingen ab, die sich in Deinem Leben auftun.
Solange du damit keinem Wesen schadest, genieße alles auf Deinem Weg. Tust Du das von Herzen, wird deine Dankbarkeit Dir Tatkraft und Freude schenken, zu tun, was Du kannst, um etwas mehr Licht und Liebe in die Welt zu bringen.

Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche und schöne Ostertage,
liebe Grüße,
Doerthe